Bild: teilweise Adobe
Papas Mundharmonika
Der
Tod ist eine schmerzliche Rechenaufgabe. Ich zähle die Jahre, bemerke die Gebrechlichkeit und erledige Amtswege und unterschreibe Papiere. So wie man es bei einer Inventur eines Lagers macht.
Ich hielt mich für einen überzeugten Materialisten. Für mich bestand die Welt aus Sachen, die ich ordnen kann, aufnehmen oder wegwerfen kann.
Das Zimmer meiner Mutter im Pflegeheim war ein Ort des Erwartens gewesen.
Meine Mutter hütete dort den Schatten meines Vaters. Zwei Jahre schaute sie auf die Bilder meines Vaters. Er gab ihr nie eine Antwort.
Dann verstarb auch sie.
Formulare, Entsorgung ihres Gewandes, Übergabe ihres Schmucks und ein Koffer, von dem niemand wusste, was er enthielt.
Wie ein ungebetener Gast stand er 2 Jahre in der Ecke.
Er stand da wie ein wartender Gast.
Ich nahm den Koffer mit nach Hause und stellte ihn ebenso in eine Ecke.
Ich brachte den Mut nicht auf, diesen Koffer zu öffnen.
Da drinnen waren die Erinnerungen meines Papas konserviert.
Aber dann doch:
Papiere, seine Uhr, sein Ehering, der ihm schon Jahre zu klein war.
Dann fand ich ganz unten eine kleine Schachtel
Papas Mundharmonika.
Als ich sie öffnete, lag sie da: Papas Mundharmonika.
Sie bestand aus Blech und Holz, abgegriffen, zerkratzt.
Abgearbeitet vom Rauch, Licht und Atem unzähliger Abende in Schihütten, Heurigenlokale und Segelverein.
In diesem Moment brachen meine unerschüttlichen materialistischen Dämme in nichts zusammen. Keine Spur mehr, von dem Glauben an die unvergänglichen Läufen des Lebens.
Ich sah plötzlich Papa vor mir er spielte sein letztes Lied.
Nur für mich.
Plötzlich war er nicht mehr der kranke Mann aus dem Pflegeheim.
Jetzt war er wieder der Papa, der es vermag die Luft seiner Umgebung zu verändern.
Er brachte die Luft in Schwingung.
Mein Vater und ich, wir waren uns nicht immer grün gewesen.
Es gab oft viel Schweigen zwischen uns. Dieses Schweigen war mit Sicherheit viel massiver als die Wände dieses Koffers. Aber die Hürden brachen ein, wenn er die Mundharmonika auf seine
Lippen setzte.
Da erschien es wieder: Das Klirren der Gläser in den Schihütten, der Rauch, die Stimmung. Er brachte es immer zustande, dass die Leute sich um ihn versammelten.
Ich sah sie wieder, die weißen Segeltücher der Boote die sich vor einer Küste versammelten. Ich hörte seinen Rhythmus, den der Wind aufnahm und verbreitete.
Er spielte auf dem Tennisplatz, bei Geburtstagen, in Heurigenlokalen.
Er war blutiger Amateur, aber manchmal verblassten sogar Profis gegen ihn.
Nein, er spielte nicht nur Noten. Er spielte Gefühle.
Es war nicht nur Luft, welche er in die Mundharmonika blies, nein, es war ein Teil seiner Seele.
Dieses Instrument erzählt mehr als alle Bilder, Abzeichen und Dokumente von meinem Papa.
Er war so glücklich, wenn die Leute aufhörten zu reden, um ihm zuzuhören.
Sein Klang brachte die Wärme zurück, die wir im Alltag oft nicht fanden.
Jetzt sitze ich hier. Mama ist fort, Papa ist fort.
Was bleibt?
Die Uhr tickt nicht mehr an Papas Handgelenk, sein Ring liegt auf meinem Schreibtisch.
Seine Mundharmonika wird immer schwerer in meinen Händen.
Sie wird nie wieder klingen.
Ich werde sie nie wieder hören.
Draußen warten die Ämter, der Friedhof.
Draußen am Matzleinsdorfer Friedhof, ist eine Urne in der gnadenlosen Stille seines Grabes.
In meiner Handfläche liegt ein Stück Blech.
Ich glaubte, mit der Logik des Lebens zurecht zu kommen.
Wenn ich im Bett liege, höre ich Papa wieder spielen.
Sein letztes Lied, wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Papa ist erst tot, wenn sein letztes Lied verklungen ist.
EINSAMKEIT
Bild:Firefly
Ein Mann sitzt allein in einem Wiener Café.
Er ist alt, hat den Blick gesenkt.
Seine Körperhaltung lässt Kummer vermuten.
Oder war es Melancholie?
Er scheint in seinen Gedanken gefangen.
Der Regen läuft am Fenster herab.
In diesem dunklen Lokal herrscht Stille.
Eine erdrückende Stille.
Ich beobachte den Mann.
Er sitzt am Fenster. Die Welt da draußen wirkt auf mich an eine Inszenierung eines Theaterstücks
Die Welt ist Draußen und wir sind hier gefangen in unserer Melancholie.
Getrennt von einer massiven Glasscheibe, die für uns unüberwindbar scheint.
Die Menschen draußen scheinen buntere Kleidungsstücke zu tragen als wir.
Ihre Gespräche können wir nicht hören.
Ich betrachte die Hände des Mannes. Sie liegen auf der Tischplatte. Matt, kraftlos, so als wollten sie nie mehr etwas festhalten. Sie erinnern mich an gestrandete Fische.
Etwas kommt mir seltsam vor, lässt mich erschrecken:
Sehe nur ich den Schwarzen Vogel, der auf dem Tisch des alten Mannes steht?
Ich reibe mir die Augen.
Der alte Mann scheint ihm eine Geschichte zu erzählen.
Plötzlich hatte ich das Gefühl als würde uns eine akustische Blase einschließen.
Der Schwarze Vogel beginn zu sprechen.
Er erklärte, dass Einsamkeit kein menschlicher Mangel sei.
Einsamkeit ist eine Reaktion auf Verlassenheit und löst ein chemische Reaktion in unseren Körpern aus.
Sie ist die Trennschicht zwischen uns und der Außenwelt.
Sie kann wirken wie zu langes Schwimmen in Eiswasser
Sie kann brennen wie ein zu heißer Ofen auf deinen Fingern.
Wir sehen dann die Sonne, die uns nicht wärmt. Sie ist für unsere Gefühle nutzlos, ein gelber Punkt, sonst nichts.
Ich befinde mich in meinen Gedanken in einem Operationssaal. Die Sonne ist zu einem Scheinwerferlicht geworden. Ich bin jetzt Patient und Chirurg gleichzeitig und schneide an meinem
erkalteten Herzen.
In diesem Traum versuche ich mein Gesicht neu zu formen. Vielleicht mehr Lächeln? Vielleicht mehr Höflichkeit?
Aber es gelingt mir nicht. Das Material ist zu spröde. Meine eigene abgestandene Luft unter der der gemeinsamen Glocke macht mir zu schaffen. Ich kann meine eigene verschlossene Tür nicht öffnen.
Die Isolation bedrückt mich, macht mir Angst.
Panik!
Niemand wird mir helfen können. Ich habe den inneren Schlüssel verloren.
Ich beschließe zu gehen.
Mit aller Kraft trete ich die Türe ein, löse die Erstarrung.
Die dicke Glasscheibe bekommt Risse.
Klirren!
Sie zersplittert
Meine alte Welt stürzt mit Getöse ein.
Die Scherben fallen.
Sie fallen in das Quecksilbermeer meiner Schweigsamkeit.
Ich spüre, wie das „Theaterstück“ aus meinem Kopf verschwindet.
Der Regen ist jetzt nass und kalt. Der Wind ist lästig, bläst mir ins Gesicht.
Er reinigt meine Haut von der Isolation.
Die grelle Sonne, ist nicht mehr so störrend grell.
Es ist normaler grauer Alltag. Dieses Grau ist ehrlicher.
Ich spüre das Blut an meinen Händen
Die Scheibe zertrümmert und spüre nach langer Zeit den Schmerz des Daseins wieder in mir.
Aber ich sehe auch meine Kleidung wieder bunter
Ich verbanne den Chirurg aus meinen Gedanken und fühle, dass ich wieder Teil dieser Strasse geworden bin.
Ja! Ich bin wieder Teil dieser Straße!
Ich öffne meine Augen.
Der Vogel erhebt sich und sein schwarzes Gefieder reflektiert das Licht der Straße.
Im Moment des Aufbruchs geschieht das Unerwartete. Der Schwarze Vogel auf dem Tisch breitet seine Schwingen aus. Sein Gefieder glänzt nicht mehr stumpf, sondern wirft das Licht der Straße wie dunkles Metall zurück.
Er stößt einen Schrei aus. Dieser Schrei zerreißt die Stille des Lokals.
Der alte Mann sieht mich an. Ich erahne ein Lächeln, es war ein Wiedererkennen.
So als hätten wir ein gemeinsames Erlebnis.
Ich steige über die Trümmer meiner Einsamkeit und er scheint mir zu folgen.
Aber es ist nicht sein Antrieb, er folgt dem Schatten des Vogels, durch den zerschlagenen Riss.
Wir sind Draußen angekommen und mischen uns unter die Leute.
Ich sehe noch einmal zurück:
Der Vogel kreist nun hoch über uns Menschen.
Er wird zum Schwarzen Punkt am Himmel
Unter ihm geht der Alte Mann mit festem Schritt er hat die Welt wiedergefunden,
Meinen Schlüssel werfe ich auf die Strasse. Er ist nutzlos geworden, weil die Tür nicht mehr existiert.
Vorbei ist die die Tristesse des Cafés
Ich finde die nasse Stadt schön. Sie kann sehr schmerzvoll sein, diese Stadt, aber sie ist ehrlich.
Der Schwarze Vogel hat uns nicht getäuscht
Ich atme tief ein. Die abgestandene Luft ist fort.
Bild: Firefly
Wenn alles einfriert: Wer bewegt die Welt?
Über den Stillstand im Amt und die Kraft, etwas Neues zu beginnen
Stell Dir vor, Du stehst auf einer Baustelle und nichts geht vorwärts. Das Material fehlt, die Pläne sind falsch, und im Büro ist niemand zuständig. Genau dieses Gefühl zeigt dieses Bild:
Eiszeit.
Beschreibung im ersten Kommentar
Die Eiswüste: Wenn keiner mehr mit dem anderen redet Die Landschaft aus Eis steht für eine Welt, in der alles zum Erliegen gekommen ist. Es gibt keine Verbindungen mehr, jeder ist für sich allein. Es ist der Zustand, in dem man das Gefühl hat: „Es bringt doch eh nichts.“ Wenn das Zwischenmenschliche einfriert, bleibt nur noch die Kälte.
Der Leuchtturm: Die Mauer aus Paragrafen Das Amt ist hier ein Leuchtturm – aber keiner, der den Weg weist. Er steht für eine Verwaltung, die sich wie eine Festung einmauert. Die Denkerin
Hannah Arendt nannte das die „Herrschaft des Niemand“.
Ihr kennt das: Man rennt gegen Wände, keiner übernimmt die Verantwortung, und am Ende heißt es nur: „Da bin ich nicht zuständig.“ Das Amt leuchtet nur noch für sich selbst, während draußen alles
festfriert.
Das Rot der Frauen: Der Funke, der etwas Neues startet In diesem Weiß sticht das Rot der Frauen hervor wie ein Warnsignal – oder wie die Glut in einem Ofen. Es ist kein Zufall, dass hier Frauen stehen. Sie bringen die Wärme und das Leben zurück. Arendt sagt: Jeder Mensch hat die Fähigkeit, einen neuen Anfang zu machen. Wir sind keine Rädchen im Getriebe, die nur funktionieren müssen. Wir können die Initiative ergreifen. Das Rot ist das Blut, die Leidenschaft und der Mut, den ersten Schritt zu tun.
Zusammenstehen statt Abwarten Schau genau hin: Die Frauen stehen eng umschlungen. Sie warten nicht auf einen Termin im Amt oder auf eine Erlaubnis. Sie fangen einfach an, miteinander zu reden. Echte Macht entsteht nicht in einem schicken Büro hinter dicken Mauern. Macht entsteht dort, wo Menschen zusammenkommen, sich einig sind und gemeinsam anpacken.
Indem sie das Problem laut aussprechen und sich nicht isolieren lassen, bricht das Eis. Sie machen die Wüste wieder bewohnbar.
„Handeln heißt: Den ersten Schritt tun, etwas ins Rollen bringen.“
Dieses Bild ist für mich ein Weckruf: Die Kälte in unserer Gesellschaft verschwindet erst dann, wenn wir aufhören zu warten, dass „die da oben“ sich bewegen. Wir müssen selbst das Feuer
entfachen. Wer zusammensteht und redet, hat schon gewonnen – egal wie stur die Verwaltung ist.
